Wahrheit und Auftrag: Auf zur Responsive Philosophy!

Smartphones: überall. Und ihre zunehmende Verbreitung machte es nötig, Webseiten und ihre Inhalte auch „device-gerecht“ auszuliefern. So kamen wir zum Responsive Webdesign. Aber Content sollte nicht nur kosmetisch auf ein bestimmtes Gerät reagieren, sondern auch in seinen Möglichkeiten responsive – sprich: reagierend – sein. Bei der Aufbereitung von Inhalten stehen aktuell allerdings technische Aspekte wie  intelligente Breakpoints im Fokus. Das reicht nicht aus, um zu begeistern.

Denn sehen Sie mal hier:

To capture a user's attention for the for the next generation of the web you'll need more than just responsive design. You'll need a responsive philosophy.
Am Beispiel des Redesigns und Neudenkens der L.A. Times haben Dan Gardner und Mike Treff die These der Responsive Philosophy entwickelt und veranschaulicht. Und auch wenn sie zunächst nach großem Buzzwordbingo klingt: In ihr stecken eine wesentliche generelle Wahrheit und ein klarer Auftrag – den wir hier noch einmal ein wenig auseinandernehmen wollen.

Erstens.

To capture a user's attention...
Im Web, in Apps, im Leben an sich kämpfen nicht mehr nur Medienmacher gleicher Gattung gegeneinander. Natürlich findet der Kampf der Zeitungen um Abonnenten, der Fernsehsender um Zuschauer, der sozialen Netzwerke um Nutzer noch statt; die Konkurrenz ist aber nicht nur in der gleichen Branche zu finden.

Dabei haben die einstigen Medien-Platzhirsche mit ihren Online-Ablegern die Konkurrenz schon seit Jahren im eigenen Haus. Und zusätzlich konkurriert im Jahr 2015 eine Zeitung nicht nur mit der eigenen Online-Redaktion um die Aufmerksamkeit der Konsumenten, sondern auch mit Youtube, mit Services wie Whatsapp und mit sozialen Netzwerken wie Facebook. Nicht nur um die Gunst, sondern schlicht um die Zeit, die der Konsument überhaupt zur Verfügung hat.

Kurz: Wer Inhalte erstellt, steht in Konkurrenz zu allen Inhaltserstellern. Die Frage ist: Wie stelle ich meine Inhalte den Nutzern so zur Verfügung, dass sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, im richtigen Kontext für ihn relevant sind?

Zweitens.

For the next generation of the web

Das Internet hat sich seit seiner Erfindung ständig weiterentwickelt. Vom quasistatischen Netzwerk über das modulare Web 2.0 hin zum Plattform/Websites/Mediendienst/Cards/Apps/Feed-Konglomerat von heute. Und wir alle wurden zu Inhaltserstellern.

Im Web 3.0 wird unser Wissen, werden unsere Inhalte verbunden und zum „Web of Data“ weiterentwickelt. Hier werden Informationen in konkrete Beziehungen zueinander gesetzt und eine Personalisierung von Webinhalten vorangetrieben. Hierzu wurde vom W3C-Konsortium die Attention Profiling Markup Language (APML) als eigene Beschreibungssprache spezifiziert, die neue personalisierte Services ermöglicht.

Drittens.

You'll need more than just responsive design

Erst durch die Entwicklungen im responsivem Webdesign machen Inhalte auch auf verschiedensten Endgeräten Spaß. Sie reagieren auf den Platz, den das Gerät zulässt. Aber auch das ist meist nur „nett“ – ein Hygienefaktor, wenig aufregend. Denn die Länge (Texte), die Größe (Bilder) und die gesamte Tiefe der Inhalte unterscheidet sich auf dem Smartphone nur selten von der Desktopvariante. Kosmetisch angepasst – inhaltlich aber in keinster Weise responsive.

Und deshalb: Viertens.

You'll need a responsive philosophy
Auch und gerade wer diesen Text auf dem Smartphone liest und ihn mit seiner Desktopvariante vergleicht, wird merken: Wir befinden uns schon auf dem richtigen Weg. Aber wir haben noch ordentlich Weg vor uns.

Schließlich gibt es neben dem Ausgabegerät weitere relevante Punkte, die bei der Erstellung und Distribution von Inhalten beachtenswert sind:

  1. Location: Wo befindet sich der Nutzer?

Am privaten Küchentisch sind für den Nutzer in den meisten Fällen andere Inhalte relevant als am Arbeitsplatz.

  1. Duration: Wie viel Zeit hat der Nutzer?

Wartet die Konsumentin am Bahnhof? Dann könnte man ihr längere Inhalte ausliefern als die, die sie nur zwischen zwei Stationen konsumieren kann.

  1. Daytime: Welche Uhrzeit ist es zum Zeitpunkt des Konsums?

Morgens sind andere Inhalte relevanter als abends. Und auch die Tiefe der Inhalte wird unterschiedlich gewünscht.

  1. Speed: Mit welcher Verbindungsgeschwindigkeit ist der Nutzer unterwegs?

Zumindest in Deutschland sind HD-Videos unterwegs selten ein Vergnügen. Hat der Nutzer beispielsweise nur EDGE zur Verfügung, könnte statt eines Videos auch Text angezeigt werden. Im Idealfall mehr und besserer Text als „Hier sollte ein Video stehen“.

  1. History: Gibt es schon Informationen über den Nutzer?

Mit APML lassen sich viele Informationen eines Nutzers zusammenführen. Dies sollte auch Einfluss drauf haben, welche Inhalte dem Nutzer angezeigt werden. Und zwar keine Anzeigen für Produkte, die er schon gekauft hat. Bitte.

  1. Path: Wo kommt der Nutzer im Moment des Konsums her?

Informiert sich der Nutzer beispielsweise auf einer Website über den Verlauf einer Wahl, könnte beim Surfen zu einer anderen Website gleich dieses Thema wieder relevant sein.

Dies sind auf den ersten Blick sehr simple Fragen, hier und da sogar welche mit einfachen technischen Antworten. Hochkomplex werden sie, wenn sie auf der Metaebene eines Inhaltes verknüpft eine „Reaktion im Nutzer-Kontext“ auslösen sollen. Ein Redakteur ohne spezifische Programmierkenntnisse kann da nur hilflos lächeln. Es braucht also die Kooperation von Inhaltserstellern und Programmierern. Langfristig und kontinuierlich.

A…aber…

Now: How to get there?

Aber wo fangen wir nun an? Beim Content? Oder bei der dafür benötigten Technik? Die Antwort muss ganz klar lauten: Mit beidem. Zusammen.

Der Autor sollte seinen Nutzer besser kennen lernen (Personas, Journey Maps) und damit seinen Content klarer strukturieren (Content-Model, Content-Mix). Der Programmierer sollte parallel damit beginnen, einfach zu implementierende Lösungen für bestehende CMS zu entwickeln, um Inhalten einen kontextuellen Mehrwert über Metainformationen zu geben.

Das Wissen über Verhaltensweisen und Eigenschaften meiner Nutzer ermöglicht es, Inhalte auf ihren jeweiligen „Nutzer-Kontext“ abzustimmen. Die oben genannten Punkte können hier als Filter dienen. Im Zusammenspiel mit einem Programmierer, der das CMS in dieser Hinsicht aufbohrt, sind charmante Lösungen einfach umsetzbar.

Nehmen wir eine textlastige Nachrichtenseite: hier könnte der Autor im CMS veranlassen, dass ein Text in verschiedenen Längen angezeigt werden kann – oder auch als vertonte Version. Das lässt sich schon heute ohne großen Entwicklungsaufwand umsetzen. Und wenn man die Inhalte von vornherein auf diese verschiedenen Versionen hin entwickelt, hält sich auch der redaktionelle Mehraufwand in Grenzen.

Im nächsten Entwicklungsschritt dann sollten die Inhalte in Tonform besonders dann angeboten werden, wenn sich der Nutzer im Umfeld eines Fitnessstudios befindet: Es liest sich so schlecht beim Intervalltraining.

Natürlich gibt es Bremsen: die Datenschutzdiskussion, die Umsetzungskosten. Doch die Entwicklung hin zu personalisierten Inhalten ist vorgezeichnet. Die Absatzzahlen von Wearables etwa zeigen, dass Nutzer bereit sind, für intelligente Lösungen Informationen und Daten preiszugeben. Und wer in Zukunft den Nutzern Inhalte zur Verfügung stellen will, muss anfangen, über den redaktionellen Tellerrand hinaus zu blicken und sich mit technologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Und na klar, TLGG-Blog, ich blicke auch in deine Richtung.

Dieser Artikel ist ein Remix des Vortrages, den Bastian auf dem Barcamp Berlin 2015 gehalten hat. Inline-Illustrationen: Martina Hoffmann.