Zur #rpTEN: Heldinnen müsste man sein – Frauen und Weiblichkeit im Comic

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2016 wird – unter anderem – Saroja Coelho von Digital Storytellers über Heldinnen im und am Comic sprechen. Genau das richtige Thema für unsere Topstrategin Kathleen Mußbach. Sie hat ihre Comicfestrede bereits für den Weltfrauentagsbeitrag verfasst, er ist uns in Umfang und Tiefe aber unbedingt einen eigenen Eintrag wert. Willkommen in der Leidenschaftsnische. Bis gleich!

Heldinnen müsste man sein

Als Kind wollte ich immer Batman sein, der Superheldenarchetyp, der bedingungslos für andere und für die eigenen Ideale sein Leben riskiert. Ausgestattet mit der fortschrittlichsten Technologie seiner Zeit – und einem eigenen Butler! Batman, die zerrüttete Existenz, zu jeder Zeit mit seinen inneren Konflikten ringend, verursacht durch Tod und Verlust der eigenen Eltern und die von ihm erschaffenen Gegenspieler. Superman dagegen fand ich immer doof, diesen Übermenschen einer fiktiven Gesellschaft, dessen innerer Kampf menschliche Erziehung gegen übermenschliche Kräfte kaum einen ernstzunehmenden Konflikt darstellten.

Wo Schönheit und Perfektion sich nur zu Langeweile addieren

Mein kindliches Ich störte sich damals wie heute an dem Umstand, dass Schönheit (der gutaussehende, kräftige, gütige Held) und Perfektion (die ja schon im Namen „Superman“ liegt) wenig Reibung und damit kaum Angriffsfläche bieten. Noch weniger als Superman jedoch interessierten mich die weiblichen Protagonisten. Mit Schrecken denke ich etwa an die ewig zickige Daisy Duck zurück, deren einzige Aufgabe es war, den (Anti-)Helden Donald zu kritisieren. Wie sie waren die weiblichen Figuren für mich meist nur Randfiguren. Tatsächlich stellte ich relativ spät fest, dass weibliche Heldinnen im Comic auf vielfältige Weise existieren.

Comics und Graphic Novels sind Massenphänomen über Geschlechtergrenzen hinweg

Spätestens mit der Veröffentlichung diverser MARVEL-Filme (Start 2008 „Iron Man“) öffnete sich der Konsens „Comic“ einer breiteren, auch weiblichen Zielgruppe. Auch Verlage haben längst erkannt, dass Comics nicht ausschließlich von Geeks & Nerds gelesen werden. Mit viel Begeisterung denke ich dabei an Graphic Novels wie „Persepolis“ oder auch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. Weder als Heldinnen noch als Autorinnen sind Frauen heute in der Rolle der etwas tolpatschigen Ahnungslosen, die in einen traditionell männlichen Bereich vorstoßen.

Aber natürlich ist „The Male Gaze“ wie in den meisten darstellenden Künsten auch hier ein Phänomen. Und so kommen weibliche Comic-Heldinnen selten nicht ohne straffe Kurven und knappe Outfits aus, die offenbar irgendeinem Spandex-Embargo im Superheldenuniversum Rechnung tragen müssen.

Sexy Amazonenprinzessinnen von gestern wandeln sich zu Alltags-Heldinnen von heute.

Die wahrscheinlich älteste Comic-Heldin ist Wonder Woman. Amazonenprinzessin Diana kämpft gegen das Böse und für Gleichberechtigung und hatte bereits 1941 in „All Star Comics Nr. 8“ ihren ersten Auftritt. Die jüngste unter ihnen ist die 16-jährige pakistanisch-amerikanische Muslima namens Kamala Khan alias Ms. Marvel. Natürlich ist die Figur der Ms. Marvel nicht neu. Diverse Ms. Marvel feierten im Laufe der Comic-Geschichte ab 1968 ihr Debüt. Bemerkenswert ist die Neuauflage dieser Figur aufgrund ihrer Aktualität im Hinblick auf den heutigen Zeitgeist.

Ms Marvel

Die Erfinderin der neuen Ms. Marvel, G. Willow Wilson, beschreibt ihre Figur als „(…) stark, schön und frei von jedem Ballast, Pakistani und ‚anders‘ zu sein.“ Denn im Alltag muss sich Kamala allzu oft gegen Ballast wie eine konservative Helikoptermutter, einen ehrgeizigen Vater und einen überfrommen Bruder durchsetzen. Solche Geschichten zeigen, dass es nicht immer ein fiktionales Universum braucht, um unsere „eigene Heldin“ zu sein. Gegenspieler sind uns heute vielfältig in Form von Unterdrückung, Terrorismus und Gewalt auch gegen Frauen allgegenwärtig.

So ist es kein Zufall, dass zwischenzeitlich auch eine gestandene Heldin wie She-Hulk in „She-Hulk, weiblich, ledig, grün sucht…“ mit sehr weltlichen, alltäglichen Problemen konfrontiert wird. Hinter oder in She-Hulk verbirgt sich die Anwältin Jennifer „Jen“ Susan Walters. Walters besitzt ähnliche Kräfte wie ihr Cousin Bruce Banner, unterscheidet sich aber darin, dass sie im Gegensatz zu ihrem Cousin während ihrer grünen Transformation frei ist von Jähzorn und einem Persönlichkeitsverlust. Ein Umstand der sich als Vorteil erweist, da „SMASH“ während einer Gerichtsverhandlung kaum als schlüssiges Argument angebracht sein dürfte.

Verrückt. Versaut. Verfressen. Auch für Frauen kann es ruhig mal trivial sein.

Der Anti-Held bildet den Kontrast zum klassischen Helden. Im Gegensatz zum Helden zeichnet sich der Anti-Held nicht durch einen überlegenen Charakter, Verstand oder seine moralische Stärke aus. Beim Figurentypus Anti-Held kommt es vor allem auf dessen Schwächen an, die ihn sympathisch wirken lassen. Mein All-Time-Favorit ist Deadpool, der spätestens mit dem Start des gleichnamigen Films einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein dürfte. Deadpool geizt nicht mit Action, Spandex und knappen Outfits, sondern protzt mit viel Gemetzel, Tacos, Wahnsinn und dummen Sprüchen. Dabei ist sich Deadpool alias Wade Wilson neben all dem Gemetzel immer darüber im Klaren, dass er selbst in einem von MARVEL geschaffenen Universum zum Vergnügen des Lesers interagiert – und nur eine mögliche Version des Konzepts „Deadpool“ darstellt.

Auf Earth-3010 zum Beispiel lebt Wanda Wilson alias Lady Deadpool. Sie steht ihrem Alter Ego Deadpool in nichts nach und ist, in 3 Worten ausgedrückt, verrückt, versaut und verfressen. Selten sieht man die versoffene Variante der Heldin so gut, eine extreme Person, eine extreme Frau mit praktisch allen guten wie schlechten menschlichen Eigenschaften.

Es sind solche Figuren die mich immer wieder dazu veranlassen, noch mehr Comics zu lesen. Figuren, die weder um Schönheit noch um Perfektion und schon gar nicht um Anpassung bemüht sind. Darstellungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten einer männlichen Leserschaft angedacht waren. Geschichten, die dabei auch mal richtig trivial sein können.

Sollte euch also der Sinn nach Heldinnen stehen, wollt ihr einfach mal was anderes lesen oder braucht ihre eine Auszeit vom Weltgeschehen, rate ich euch einen Abstecher in den nächsten Comicbuchladen zu machen. In diesem Sinne: „SMASH“ euch allen.

Bücher zum Artikel:

She-Hulk, weiblich, ledig grün sucht
Ms. Marvel Volume 1: No Normal
Deadpool killt das Marvel-Universum
Deadpool Killustrierte Klassiker
Deadpool (Lady Deadpool) killt Deadpool
Lady Deadpool #1

Und hey, nicht vergessen, nicht verpassen: Am Samstag ist Free Comic Book Day!